Loyalität zu Ihrem Chef – wo fängt sie an, wo hört sie auf?


Assistenz & Sekretariat Insideerhielt vor kurzem die Anfrage einer Leserin, die mit ihrem Brief auf eine viel diskutierte Problematik hinweist: Sie schreibt:

„Seit über 18 Jahren arbeite ich als Sekretärin, die letzten sechs Jahre in einer Anwaltskanzlei. Vor kurzem rief mich ein verärgerter Mandant an, der wissen wollte, wo sein Vertrag bleibe, den mein Chef absegnen sollte. Er hatte ihn vor über einer Woche per Express-Brief geschickt, und ich erinnere mich, dass ich den Brief unmittelbar nach seiner Ankunft auf den Schreibtisch meines Chef gelegt habe. Er jedoch bestreitet, den Brief je gesehen zu haben.

Nachdem mein Chef und ich sein Büro ,auf den Kopf gestellt hatten‘, haben wir den Vertrag unter einem Stapel Akten auf seinem Schreibtisch gefunden. Er hat ziemlich kleinlaut zugeben müssen, dass er den Brief nach dem Öffnen wohl vergessen hatte.

Ich schlug ihm also vor, dass ich vor dem Mandanten die Schuld übernehme, und mein Chef war einverstanden. Ich habe gleich bei unserem Mandanten angerufen und mich entschuldigt. Den Vertrag habe ich sofort durch einen Boten vorbeibringen lassen.

Jetzt plagen mich aber Zweifel. Ich habe zwar den Ruf meines Chefs gerettet, meinen eigenen aber gefährdet. Wird mir der Mandant wieder etwas anvertrauen? Hat der Vorfall Auswirkungen, wenn ich mir mal eine neue Stelle suchen will? Ich frage mich, ob es zu den Aufgaben einer Sekretärin gehört, die Fehler des Vorgesetzten auf ihre Kappe zu nehmen.“

Das meint Assistenz & Sekretariat Inside dazu:

Die Frage, ob die Sekretärin Verantwortung für die Fehler ihres Chefs übernehmen soll, kann nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet werden. Die beeinflussenden Faktoren sind zu komplex für eine allgemeine Antwort.

Wir haben sechs Fragen zusammengestellt, die Sie auf jeden Fall klären sollten, bevor Sie einen Fehler eingestehen, den Sie gar nicht begangen haben.

1.Wie wirkt sich Ihr Schuldeingeständnis auf Ihre Selbstachtung und das Ansehen Ihrer Tätigkeit aus?

Die Überlegung, dass der Mandant Ihnen im Anschluss nicht mehr vertraut, ist nicht ganz unberechtigt. Was passiert, wenn der Chef wieder ein Schriftstück „verbummelt“. Vielleicht geht der Mandant automatisch davon aus, dass die Sekretärin wieder Schuld hat.

2. Ist es für Sie entscheidend, ob der Vorgesetzte bereit ist, Sie für Ihren selbstlosen Einsatz zu belohnen?

Erwarten Sie irgendeine Art von „Danke“? Wenn ja, dann können Sie in den meisten Fällen tatsächlich nur mit einem „Danke“ rechnen. Besondere Anerkennung oder langfristige Dankbarkeit wegen Ihrer Loyalität sind unwahrscheinlich.

3. Sollten Sie nur die Verantwortung für „menschliche“ Fehler übernehmen und Ihrem Chef die Verantwortung überlassen, wenn es an seiner Kompetenz hapert?

Macht es einen Unterschied, für welche Art von Fehlern Sie den Kopf hinhalten?

4.Wird das Schuldeingeständnis Ihr Ansehen bei Ihrem Chef verbessern oder verschlechtern?

Spricht es für eine überzeugende Persönlichkeit, wenn Sie den Kopf für Dinge hinhalten, die Sie gar nicht getan haben?

5. Sollten Sie einen Schlussstrich ziehen, sobald Geld im Spiel ist? Würden Sie zum Beispiel die Schuld für einen verschollenen Vertrag auf sich nehmen, nicht aber für einen Scheck oder eine Rechnung?

Es ist sehr schwierig, Grenzen zu ziehen, wenn Sie einmal zugelassen haben, dass sie überschritten wurden. Wo wollen Sie die Grenzen für sich in Zukunft ziehen?

6. Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht in größere Probleme verwickelt werden?

Können Sie sicher sein, dass das falsche Schuldeingeständnis nicht noch weitere Konsequenzen hat? Ein scheinbar harmloses „Das war mein Fehler“ mag weitere Auswirkungen haben, die Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen können. Und wenn Sie die Schuld einmal auf sich genommen haben, ist später vielleicht sogar Ihr Chef ganz sicher, dass Sie tatsächlich die Schuldige sind.

Fazit:

Wenn Sie durch falsche Schuldeingeständnisse in Schwierigkeiten geraten oder sie sich negativ auf Sie, Ihre Tätigkeit, Ihr Ansehen auswirken, lassen Sie auf alle Fälle die Finger davon.  

 

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